Questionette

Veröffentlicht in Begriffe von questionette am 15. Januar 2009

Mein schlechtes Gedächtnis verbietet mir leider immer wieder den Zugriff auf die mir doch recht schlüssigen Erklärungen von Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Politische Korrekturen“ (1996) der ach-so-oft gebrauchten Formulierungen: PC, Gutmensch, wenn ich sie brauche. Also, hier – für mich – mal zumindest ein paar Gedanken von Herrn Diederichsen.

Triviale und nichttriviale PC

(…) In diesem Sinne kann man auch zwischen einer trivialen und einer nichttrivialen Gebrauchsweise von Sprachregelungen unterscheiden. Die triviale wäre die Ersetzung einer Bezeichnung durch eine Euphemismus bei weitgehender Erhaltung ihrer Bedeutung, also der Fall, der den üblichen Ridikülisierungen von PC als Vorlage für endlose und zahllose Varianten über Ausdrücke a la „vertically challenged“ für „kleinwüchsig“  zugrunde liegt. (…)

Ein nichttrivialer Gebrauch von Sprachregelungen und anderen symbolisch-politischen Strategien verändert tatsächlich die Semantik, etwa vom anthropologisierenden „Negro“ zum genealogisch historischen „Afro-American“ oder noch deutlicher „African American“. 

(…) geht es bei PC um ein Agieren auf der Grundlage situativer Analyse von Machtverhältnissen und darauf gegründeter Parteilichkeit. Offenlegender Humor teilt mit PC die richtige Einschätzung, daß politische und Machtverhältnisse nicht einfach verschwiegen, sondern von einem Geflecht euphemistischer Redeweisen, Generalisierungen, bestimmter Sprechakte und institutionalisierter Alibikritik unkenntlich gemacht werden. (…) Vielleicht ist das eines der entscheidenden sprachkritischen Anliegen von einer positiv gedeuteten PC: ein Sprechen zu entwickeln, das (…)  von Verhältnissen spricht.

(noch in Arbeit)

Veröffentlicht in Begriffe, Bilder von questionette am 2. Januar 2009

(…) Je mehr ich las, desto reizvoller fand ich das Thema. Außerdem gab es seit 9/11 derart viel Islam, daß es sich finanziell nur lohnen konnte, mich auf dem Feld zu profilieren. Allerdings wehrte ich mich gegen das Wort selbst. Islam waren meine Großeltern, nette, warmherzige Leute. Die Künstler, die ich für das Festival vorschlagen wollte, hatten mit Islam so viel oder so wenig zu tun wie Gerhard Richter mit dem Christentum; keiner unter ihnen war ein islamischer Dichter, Musiker, Maler. Das hatte ich schon zu Beginn meiner Recherche begriffen. Es hatte mich viel Energie gekostet, das Attribut islamisch aus dem Titel des Festivals zu streichen. Wollt ihr einen Dialog mit dem Islam, oder wollt ihr Kunst, Literatur, Musik? hatte ich die Beamten im Kulturministerium gefragt. Wenn ihr Dialog haben wollt, ladet ein paar Mullahs ein und setzt sie neben einen Pfarrer. Wenn ihr aber Kultur haben wollt, nennt sie bitte nicht islamisch. Das machen schon die Fundamentalisten, hatte ich gesagt. Das Argument hatte ich aus einem Aufsatz in Le Monde diplomatique. Es hatte die Beamten am Ende überzeugt. (…)

 

(aus: Navid Kermani, Kurzmitteilung, S.34)